Während der Reise führte Ralf stichpunktartig Tagebuch. Anhand dieser Aufzeichnungen lässt sich der Reiseverlauf sehr gut nachvollziehen.
Es folgen übersetzte Auszüge aus den ursprünglich englischen Aufzeichnungen, versehen mit Bildern und Orignialzitaten aus dem Tagebuch.


Dienstag, 19. Juli 2005
    Während des Fluges lief der Film "Son of Mahalakshmi", die typische Geschichte des verlorenen Sohnes. Auch das Flugzeugessen war schon sehr indisch: Man hatte die Wahl zwischen Reis mit Huhn, Reis ohne Huhn oder Reis mit Fisch.
    Ankunft in Madras. Fast Mitternacht. Hunderte von Leuten wollten ihre Bekannten abholen und warten vor dem Flughafengebäude in einer langen Schlange. Dazu gesellten sich hunderte von Taxifahren, die einem ihre Dienste anboten. Philip bugsierte uns durch die Menschenmenge zu einer billigeren Rikshaw, die uns zu unserem Hotel brachte. Während der langen Fahrt durch die nächtlichen Straßen von Madras kamen wir in den Monsunregen. Er war heftig aber warm. Weil Rikshaws an den Seiten offen sind waren wir sofort nass bis auf die Knochen, Geld,
    alles war nass. Wir hofften einfach, dass wenigstens unsere Rucksäcke wasserdicht seien. Wir durchquerten die Slums und der Verkehr nahm stetig zu, man fühlte sich wie in einem Ameisenhaufen. Unser Hotelzimmer war akzeptabel, obwohl sich ein paar Kakerlaken bei Anschalten des Lichtes unter dem Bett verkrochen.

Mittwoch, 20. Juli 2005
    Zum Frühstück gingen wir in ein indisches Restaurant gegenüber. Wir aßen die typischen geschmacklosen Iddly mit Kokosnussdip. Ich musste zum ersten Mal mit meinen Fingern essen.
    Danach gingen wir zum Hauptbahnhof "Chennai Egmore" um zwei Zugtickets für die Weiterfahrt zu buchen. Der Straßenverkehr war sehr hektisch, Busse waren völlig überfüllt, die Menschen hingen aus allen Türen und Fenstern. Kleinere Autos und Rikshaws quetschten sich mutig bis waghalsig an den großen Bussen vorbei.
    Die sonst staubigen Straßen waren matschig vom vielen Regen, mit Pfützen überall. Die Luft war warm und feucht. Wenn man langsam läuft, ist es einigermaßen auszuhalten.
    Es gab einen Metalldetektor vor dem Zugang zu den Gleisen und freundliche Polizistinnen kontrollierten lachend die Reisenden. Sie machten sich allerdings nicht die Mühe, unsere großen Rucksäcke zu überprüfen sondern lotsten uns freundlich durch. Wir kauften zwei Liter Wasser und vergewisserten uns, dass die Kappe noch versiegelt ist. Dazu gab es Englische Kekse.
    Die Zugfahrt nach Madurai war lang aber wegen der offenen Fenster und Türen recht angenehm und sehr authentisch. Man konnte die Landschaft draußen riechen, sehen und fühlen - den Wind, den Sonnenuntergang, den Regen. Wir fuhren durch Reisfelder, kleinere und größere Dörfer, kahle und grüne Landschaften. Hin und wieder sahen wir einen Schäfer, der seine 4-6 Ziegen hütete.
    Die Passagiere waren sehr nett. Wir kamen sofort ins Gespräch. Sie dachten, wir kämen aus der Werbebranche und wären auf Schauplatzsuche weil wir
    zwei Kameras dabei hatten und ständig Fotos schossen und filmten. Unsere Gesprächspartner waren sehr interessiert an deutscher Technik. Ständig kamen Leute durch den Zug und boten lautstark Tee ("tshaee-a"), Kaffee ("coppee") und Kekse ("ee-ummie-ummie") an. Es gab sogar ein paar Passagiere (mit offensichtlich sehr wehrhaftem Immunsystem), die diesen Service wahrnahmen.


    Es wurde sehr früh dunkel. Um 18:00 Uhr war es schon stockduster.
    Als wir um neun Uhr endlich in Madurai ankamen, war der Verkehr immernoch sehr hektisch. Philip meinte, dass es tagsüber noch wesentlich voller auf den Straßen sei. Unser Hotel war direkt am Shree Menakshi Tempel in der Stadtmitte. Wir bekamen ein sehr billiges und praktisches Zimmer im vierten Stock, sogar mit Balkon zur Straßenseite. Wir sicherten Türen und Fenster mit mitgebrachten Ketten und Schlössern und gingen hoch zur Dachterrasse. Dort trafen wir zwei biertrinkende Deutsche, aber wir unterhielten uns nicht lange mit ihnen.
    Stattdessen machten wir vor dem Schlafengehen noch einen Spaziergang durch die Innenstadt. Anscheinend sah man uns an, dass wir Fremde sind, denn wir wurden von einem aufdringlichen Inder verfolgt, der, als er hörte, dass wir aus Deutschland kamen, "Ich bin Schneider" sagte. Wir dachten erst, das sei sein Name, aber er wollte uns zu seinem Shop führen und ließ nicht locker. Wir flohen in ein Restaurant und bestellten Hühnchen mit Reis und Nudeln, dazu Fanta, Cola und Tee.

Donnerstag, 21. Juli 2005
    Weil wir noch nach der deutschen Zeit aufwachten, konnten wir den Sonnenaufgang um 5 Uhr morgens vom Hoteldach erleben. Der goldene Tempel leuchtete in der Morgensonne. Danach setzten wir uns auf den Balkon und beobachteten das Erwachen der Großstadt. Wir konnten einige eindrückliche Szenen auf Video festhalten: Neben einem Berg aus Abfällen polierte ein Taxifahrer seinen Wagen. Mit dem Fahrrad wurde Milch geliefert und in Kannen abgefüllt. Wir beobachteten eine Frau beim Zeichnen der für Indien typischen Bodenmalereien vor ihrer Haustür. Es tauchten immer mehr Fahrrad-Rikshaws auf, beladen mit Waren oder Frauen und der arme Fahrer musste ganz schön in die Pedale steigen, um das Gefährt am Laufen zu halten.
    Fürs Frühstück liefen wir zu einem anderen Hotel, wo wir - um unsere Mägen zu schonen - English Breakfast bestellten. Wir waren uns nicht sicher, ob es eine gute Idee sei, den frischen (?) Saft zu trinken, stattdessen verschenkten wir ihn an einen Fliesenleger, der gerade dabei war, in sengender Hitze die Dachterrasse auszubessern. Auf dem Rückweg trafen wir zweimal den Schneider wieder, der uns sogar bis in ein Musikgeschäft folgte. Es gab viele Leute, die einem ständig irgendwas aufschwatzen wollen - nicht nur Schneider, auch Rikshaw-
    fahrer, Hotelangestellte oder Kellner. Um weiterzukommen verhandelte Philip einen angemessenen Preis für die Rikshaw zum Busbahnhof außerhalb der Stadt. Der Busfahrer fuhr wie ein Henker, aber zum Glück ist nichts passiert. Der Bus hatte keine Fensterscheiben, was recht angenehm war, denn wir hatten den kühlen Fahrtwind im Gesicht. Wir mussten allerdings unsere Ohrstöpsel benutzen um von dem Krach, der aus der im Bus laufenden DVD kam, nicht taub zu werden. Außerdem gab es keine Sekunde der Reise, in der der Fahrer nicht gehupt hätte. Die Straße war voller Schlaglöcher und jetzt wird mir klar, wieso es im Englischen "to ride a bus" heißt.
    Als wir endlich in Ramanathapuram angekommen waren, namen wir eine Rikshaw zum Palast, aber der Fahrer glaubte uns nicht, dass wir wirklich zum Palast fahren wollten und ließ uns auf der Hauptstraße davor aussteigen.


    Wir gingen - die Videokamera im Anschlag - zu Fuß durch das Tor in den Palast und Philip wurde sofort von den Dienern erkannt und begrüßt. Wir zogen unsere Schuhe aus und gingen ins Esszimmer. Anscheinend wurde schon mit uns gerechnet, denn immer mehr Diener strömten herein und begrüßten uns. Schließlich kam die Königin, Rani Lakshmi, die Philip und mir fröhlich um den Hals fiel (was eigentlich ungewöhnlich ist für indische Frauen) und dann servierte sie persönlich das Essen. Es gab Reis mit Kokosnussdip, Bohnen, Chili und anderes Gemüse.
    Nachdem wir lange am Tisch gesessen und ausgelassen über alles mögliche geredet hatten, führte die Königin uns durch den Palast. Für mich war alles neu, aber auch Philip bemerkte einige bauliche Veränderungen. Die meiste Zeit verbrachten wir im palasteigenen Tempel.
    Dann trafen wir auch Raja, den König. Er saß / lag in seinem Thron, umgeben von Beratern, Verwandeten, Untertanen und Dienern. Er war sehr überrascht über unsere Gastgeschenke - wir gaben ihm ein 1:18 Modell von einem Porsche Carerra GT, denn Philip wusste, dass er ganz verrückt nach schnellen Autos war.
    Anschließend gab es Abendessen. Es gab Iddly, Kokosnussdip, Bohnen, Chili und Gemüse. Diesmal war auch gebratener Blumenkohl dabei. Dazu gab es einen sehr guten Chai Tee.
    Nach dem Essen führte uns die Königin zu unserem Gästezimmer. Wir waren sehr geschmeichelt, dass wir direkt neben dem Schlafzimmer von König und Königin schlafen durften - was für eine Ehre! Unser Zimmer war schön kühl mit Klimaanlage und es gab auch ein recht luxoriöses Bad mit westlicher Toilette und Dusche.
    Vor dem Schlafengehen gingen wir nochmal hinunter in den Vorhof des Palastes und unterhielten uns mit den Menschen.